Zitate

Reflexion verändert durch den Aufwand der Bewußtwerdung die Wasserlinie der im Meer des Halbbewußten treibenden Sache. Diesem Fluch der Reflexion ist grundsätzlich nicht zu entkommen. Jede Erkenntnis hat ihr Eintrittsgeld zu entrichten, daß das eindringende Verständnis zugleich auch das Objekt verändert, zumindest durch die Belastung des Erkennens (Harald Kaufmann, Hans Erich Apostel. Eine Studie. Wien: Österreichischer Bundesverlag, o.J. [1965] (Österreichische Komponisten des XX. Jahrhunderts 4), S. 12).

[D]ie Verächter der Reflexion unterstellen, daß eine Sache nicht schon von sich aus kompliziert ist, sondern erst durch das Nachdenken darüber kompliziert wird. Die Sorglosigkeit, mit der Werturteile gefällt werden können, schließt nicht ein, daß Wertungen auf einfache Art zustande kommen. Rechnet man die Vielzahl von sachlichen, gesellschaftlichen und psychologischen Bedingungen zusammen, die am Zustandekommen eines ästhetischen Urteils, selbst eines primitiven, beteiligt sind, so wird im Gegenteil eher zu fragen sein, wie es zum Phänomen einer sorglosen Wertung, die man die naive nennt, überhaupt kommen kann. (Harald Kaufmann, ‚Thesen über Wertungsforschung‘, in Fingerübungen. Musikgesellschaft und Wertungsforschung. Wien: Lafite, 1970, S. 12–23, S. 19f.)

Wertfreie Analysen ästhetischer Objekte sind eine Utopie. Sobald über das Stadium statistischen Zählens von Bausteinchen, das noch nicht Analyse heißen kann, Kombinationen von Zusammenhang und Vergleich triumphieren, beginnt eine wertende Auswahl von Möglichkeiten. (Harald Kaufmann, ‚Vorrede‘ zu Spurlinien. Analytische Aufsätze über Sprache und Musik. Wien: Lafite, 1969, S. 9–13, S. 10)

Das Alibi bürgerlichen Musizierens in Steiermark ist die Landschaft. Nicht eine Landschaft als objektive naturkundliche Morphologie oder als soziologische Gegebenheit, sondern Landschaft als ‚Seelenzustand‘. (Harald Kaufmann, Neue Musik in  Steiermark´: Ein kritisch-chronistischer Versuch. Graz: Stiasny, 1957, S. 28)

Die Wirkungen der Geschichte stecken uns in den Knochen. Gymnastik der Erkenntnisbewältigung, fern des akademischen Registrierens, will dazu beitragen, daß nicht schon jegliche würdige Ruhelage als verbindliche Überlieferung gewertet werde. (Harald Kaufmann, Eine bürgerliche Musikgesellschaft: 150 Jahre Musikverein für Steiermark. Graz: Styria, 1965, S. 72)