Leben

Harald Kaufmann (* 1. Oktober 1927 in Feldbach, Steiermark; † 9. Juli 1970 in Graz) studierte in Graz Philosophie sowie Musikwissenschaft und dissertierte 1948 bei dem Alexius Meinong-Schüler Ferdinand Weinhandl mit einer Arbeit über Methoden der philosophischen Interpretation. In den 1950er und 1960er Jahren wandte Kaufmann Weinhandls Methode der Gestaltanlayse auf die Analyse von Musik an. Insofern ist Kaufmann im weiteren Sinn zur Grazer Schule der Gestalttheorie zu zählen. Ein zweites Studium, Rechtswissenschaften, schloss Kaufmann 1953 ebenfalls mit dem Doktorat ab.

1946 gründete Kaufmann zusammen mit Ulrich Baumgartner, Hellmuth Himmel und Heinz Gerstinger das Grazer Hochschulstudio als eindeutig fortschrittlich ausgerichtete Theatergruppe.[i] Im November 1947 wurde als Hochschulstudio-Produktion Kaufmanns Einakter Vittoria Colonna uraufgeführt. Bei dem Stück handelt es sich sehr wahrscheinlich um eine dramatisierte Fassung der Novelle Die Versuchung des Pescara von Conrad Ferdinand Meyer.[ii] Kaufmann verfasste mehrere Opernlibretti: für Waldemar Bloch richtete er Stella nach Johann Wolfgang von Goethe ein (UA 5. Juli 1951 in Graz), für Rudolf Weishappel arbeitete er Elga nach Gerhart Hauptmann zum Opernstoff um (Ursendung 12. November 1952, ORF; szenische UA 28. Januar 1967, Landestheater Linz) und adaptierte König Nicolo oder So ist das Leben nach Frank Wedekind (szenische UA 1972, Volksoper Wien). Später distanzierte sich Kaufmann von diesen Arbeiten als ‚Jugendsünden‘.

Der Satz Walter Benjamins aus der Einbahnstraße, Kritik sei eine moralische Sache, dürfte den jungen Kaufmann nachhaltig beeindruckt haben. Der Wertbegriff, in dem sich Moral und Ästhetik treffen, wurde für sein Denken prägend. Kritik wurde für ihn aber nicht nur zu einer moralischen Sache, sondern, aus eng ineinander greifenden Gründen, auch zu einer politischen Angelegenheit. Sie mußte offenbar dazu werden in jener Zeit. Durch Joseph Goebbels, dessen Zugriff sich seit 1938 auch auf die sogenannte Ostmark erstreckt hatte, war ja Kunstkritik verboten worden. Der Propagandaminister hatte angeordnet, sie durch Kunstbetrachtung zu ersetzen. Die Ausschaltung von Kritik als Haltung hatte bedeutet, daß Paraphrase und Akklamation an die Stelle des Unterscheidens und Wertens zu treten hatten. Kritik zu verbieten war aus der Perspektive des totalen Staates folgerichtig gewesen, da sie sich auch gegen Nazi-Kunst hätte wenden können. Ohne die Möglichkeit differenzierter und polemischer Haltung gegenüber Kunstwerken als geistigen Sachverhalten war aber dem Sprechen über Kunst die Unwahrhaftigkeit an die Stirn geschrieben. Diese Konstellation der 1930er und 1940er Jahre in Deutschland und Österreich markiert den historischen Hintergrund von Kaufmanns Versuchen in den beiden folgenden Jahrzehnten, die Grundlagen kritischen Denkens über Kunst zu reflektieren.

Seit 1947 war Kaufmann als Musikkritiker, von 1961 an als Kulturredakteur der sozialistischen Tageszeitung Neue Zeit tätig. In österreichischen, deutschen und schwedischen Zeitungen wirkte Kaufmann als Publizist, für den Österreichischen Rundfunk sowie für deutsche Rundfunkanstalten (u.a. WDR, NDR, Bayerischer Rundfunk, RIAS Berlin) verfasste er regelmäßig Sendereihen.[iii] Als Musikkritiker setzte er sich nicht nur mit zeitgenössischen Kompositionen der Kunstmusik, sondern auch mit Jazz auseinander. Bereits zu Studienzeiten, in den Monaten nach Ende des Zweiten Weltkriegs, beteiligte sich Kaufmann am Wiederaufbau der Österreichischen Urania für Steiermark.[iv] Im Rahmen des Volksbildungswerkes hielt er in den späten 1940er sowie den 1950er Jahren hunderte von Vorträgen über Musik mit den Schwerpunkten zweite Wiener Schule und Avantgarde, wobei es im Rahmen einer Vortragsreihe von 1953/54 auch zur Grazer Erstaufführung von Anton Weberns Stücken für Geige und Klavier op. 7 kam. Er unterstützte das 1953 vom späteren ersten Präsidenten der Grazer Musikakademie Erich Marckhl initiierte Studio für Probleme zeitlich naher Musik publizistisch und war vermutlich an der Programmgestaltung wesentlich beteiligt.[v] Das Studio ermöglichte zahlreiche Uraufführungen zeitgenössischer Komponisten, aber auch Vorträge, z.B. von Pierre Boulez und Luigi Dallapiccola. Kaufmann war auch ein wichtiger Unterstützer des musikprotokoll im Rahmen des seit 1968 stattfindenden Festivals steirischer herbst. Die Veranstaltungen des Instituts für Wertungsforschung waren als „Musiksymposien“ Bestandteil des Festivalprogramms. Kaufmann kam ein beachtliches Verdienst zu, Graz zu einem Forum für zeitgenössische und avantgardistische Musik zu machen. Beispielsweise geht die österreichische Erstaufführung des Stücks Atmosphères von György Ligeti 1969 in Graz auf Kaufmanns Wirken zurück. Bedeutend ist in diesem Zusammenhang auch Kaufmanns Mitarbeit im Musikverein für Steiermark von 1957 bis 1967, der auf seine Initiative hin mehreren zeitgenössischen Künstlern die Ehrenmitgliedschaft verlieh.[vi]

In den 1950er Jahren beschäftigte sich Kaufmann intensiv mit der von den Nationalsozialisten systematisch zerstörten jüdischen Kultur in Österreich. Über zehn Jahre lang arbeitete er an einem Buch, das den Titel Geist aus dem Ghetto tragen sollte und unveröffentlicht blieb. Das etwa 250 Seiten umfassende Manuskript gliedert sich in vier Teile: Der erste Abschnitt („Das Material“) bringt einen historischen Abriss, der zweite Teil („Die Chronik“) sieht eine nach Berufsgruppen (Ärzte, Kantoren, Rechtsanwälte, Musiker, Schriftsteller, Journalisten etc.) geordnete Auflistung jüdischer Intellektueller in Wien bis zum Exodus durch die Nazis vor. Im dritten Abschnitt („Die Analyse“) geht Kaufmann auf wissenschaftliche Ideen und gesellschaftspolitische Theorien (u.a. Psychoanalyse, Traumdeutung, Zionismus) ein, die in Wien um 1900 entstanden sind oder ihre Ausprägung fanden. Für den vierten Teil („Ausnahmezustände“) hatte Kaufmann den Versuch vorgesehen, „das Thema des Jüdischen durch jüdische Selbstanalysen zu erfassen“.[vii] Die Studie stellt ein seltenes Zeugnis intellektueller Auseinandersetzung mit jüdischer Kultur in der österreichischen Nachkriegsgeschichte dar.

1958 und 1961 leitete Kaufmann jeweils die Arbeitsgemeinschaft Musik im Rahmen des Europäischen Forum Alpbach des Vereins Österreichisches College. Auf der Hauptarbeitstagung des Instituts für neue Musik und Musikerziehung in Darmstadt hielt er im April 1965 Vorträge zur Musik Schönbergs und Weberns, die in der Musikwissenschaft große Beachtung fanden.[viii] 1967 wurde Kaufmann zum Vorstand des zugleich gegründeten Instituts für Wertungsforschung an der Grazer Musikakademie (heute Institut für Musikästhetik an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz) ernannt, und 1970, bereits kurz vor seinem Tod, als ordentlicher Professor berufen.[ix] Die inhaltliche und methodische Konzeption des Instituts ging dabei auf Kaufmann selbst zurück, der ästhetische Kriterienforschung mit Gesellschaftswissenschaft verbinden, sowie empirische Untersuchungen in den Bereichen Musikmarkt und musikpsychologische Präferenzforschung anstellen wollte.[x] Erste Überlegungen zu einer solchen neuartigen Disziplin stellte er bereits Mitte der 1950er Jahre an.[xi] Das Institut für Wertungsforschung leitete seine Arbeit im Gründungsjahr 1967 mit dem Symposion „Über Musikkritik“ ein, an dem unter anderem Theodor W. Adorno beteiligt war. Mit dem bekannten Philosophen, den Kaufmann 1958 kennengelernt hatte, stand er überdies in brieflichem Gedankenaustausch.[xii] Seit 1968 gab Kaufmann die Studien zur Wertungsforschung heraus, zu deren ersten beiden Bänden auch Adorno Beiträge lieferte. Kaufmann war zudem ein enger Freund György Ligetis nach dessen Emigration aus Ungarn und widmete dem Werk des Komponisten die ersten bedeutenden Analysen und Interpretationen.[xiii] Zahlreiche Briefkontakte zu weiteren Persönlichkeiten des Musiklebens – u.a. zu Alfred Brendel, Friedrich Cerha, Luigi Dallapiccola, Herbert Eimert, Ernst Krenek und der Witwe Alban Bergs Helene Berg – sowie Musikwissenschaftlern – u.a. zu Willi Reich, Rudolf Stephan, Heinrich Strobel und Hans Heinz Stuckenschmidt – zeugen von Kaufmanns Bedeutung in der europäischen Musiklandschaft und im musikwissenschaftlichen Diskurs.

Als Kaufmann in seinem 43. Lebensjahr starb, hinterließ er den Torso eines großen wissenschaftlichen Oevres. Zu den nicht mehr verwirklichten Projekten und unvollendeten Publikationen zählen neben dem erwähnten Manuskript zur jüdischen Kultur eine Studie zur musikpublizistischen Öffentlichkeit um Karajan, ein philosophisches Werk zur Musikanalyse, ein Buch über Dallapiccola sowie eines über Ligeti.[xiv] Der umfangreiche Nachlass Kaufmanns befindet sich in dem 1995 eingerichteten Harald Kaufmann Archiv an der Akademie der Künste in Berlin.

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[i] Zur Geschichte des Grazer Hochschulstudios siehe Heinz Gerstinger, "Persönliche Erinnerungen an Hellmuth Himmel und das Grazer Hochschulstudio", in: Kurt Bartsch u.a (Hg.): Die andere Welt. Aspekte der österreichischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. Festschrift für Hellmuth Himmel zum 60. Geburtstag, Bern u.a.: Francke, 1979, S. 9-14.

[ii] Gottfried Krieger, "Ein Pionier der Musikpublizistik in Österreich. Zum Leben und Wirken von Harald Kaufmann (1927-1970)", in: Österreichische Musikzeitschrift 65 (2010), S. 5.

[iii] Gottfried Krieger, "Ein Pionier der Musikpublizistik in Österreich. Zum Leben und Wirken von Harald Kaufmann (1927-1970)", in: Österreichische Musikzeitschrift 65 (2010), S. 4-12.

[iv] Zum Wiederaufbau der Grazer Urania siehe Walter Ernst und Markus Jaroschka, "Die Schaukal-Ära und Graz", in: Karl Acham (Hg.), Kunst und Geisteswissenschaften aus Graz. Werk und Wirken überregional bedeutsamer Künstler und Gelehrter: vom 15. Jahrhundert bis zur Jahrtausendwende, Wien u.a.: Böhlau Verlag, 2009 (Kunst und Wissenschaft aus Graz 2), S. 683.

[v] Gottfried Krieger, "Erleben – Analysieren – Kritisieren. Zum Wechselverhältnis von Praxis und Theorie bei Harald Kaufmann", in: Harald Kaufmann, Von innen und außen. Schriften über Musik, Musikleben und Ästhetik, herausgegeben von Werner Grünzweig und Gottfried Krieger, Hofheim: Wolke Verlag, 1993, S. 10.

[vi] Vgl. Gottfried Krieger, "Erleben – Analysieren – Kritisieren. Zum Wechselverhältnis von Praxis und Theorie bei Harald Kaufmann", in: Harald Kaufmann, Von innen und außen. Schriften über Musik, Musikleben und Ästhetik, herausgegeben von Werner Grünzweig und Gottfried Krieger, Hofheim: Wolke Verlag, 1993, S. 12-13.

[vii] Gottfried Krieger, "'Genie aus dem Ghetto': Die unveröffentlichten Arbeitstagebücher des österreichischen Musikforschers Harald Kaufmann", in: Matthias Spindler und Gottfried Krieger (Hg.), Musik als Lebensprogramm. Festschrift für Constantin Floros zum 70. Geburtstag, Frankfurt a.M.: Peter Lang, 2000, S. 239-248.

[viii] Die Vorträge sind u.a. eingegangen in den Aufsatz Harald Kaufmann, "Struktur bei Schönberg, Figur bei Webern", in: Spurlinien. Analytische Aufsätze über Sprache und Musik, Wien: Verlag Elisabeth Lafite, 1969, S. 159-174.

[ix] Vgl. Erich Marckhl, In memoriam Harald Kaufmann, hg. von der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Graz, Graz, 1970, S. 17. Vgl. Werner Grünzweig und Gottfried Krieger, "Werten als Wissenschaft: Spurlinien eines Begriffs", in: Österreichische Musikzeitschrift 50 (1995), S. 741.

[x] Sein Gründungsvortrag wurde veröffentlicht als Harald Kaufmann, "Thesen über Wertungsforschung", in: Österreichische Musikzeitschrift 22 (1967), S. 647–652. Erneut veröffentlicht in Neue Zeitschrift für Musik 129 (1968), S. 278–282, in Harald Kaufmann (Hg.), Symposion für Musikkritik, 1968, S. 39–48, sowie in Fingerübungen. Musikgesellschaft und Wertungsforschung, 1970, S. 12–23.

[xi] Werner Grünzweig und Gottfried Krieger, "Werten als Wissenschaft: Spurlinien eines Begriffs", in: Österreichische Musikzeitschrift 50 (1995), S. 742.

[xii] Der Briefwechsel zwischen Kaufmann und Adorno ist abgedruckt in: Harald Kaufmann, Von innen und außen. Schriften über Musik, Musikleben und Ästhetik, herausgegeben von Werner Grünzweig und Gottfried Krieger, Hofheim: Wolke Verlag, 1993, S. 261-300.

[xiii] Zahlreiche Aufsätze Kaufmanns über Ligeti sowie der Briefwechsel zwischen Kaufmann und Ligeti in: Harald Kaufmann, Von innen und außen. Schriften über Musik, Musikleben und Ästhetik, herausgegeben von Werner Grünzweig und Gottfried Krieger, Hofheim: Wolke Verlag, 1993.

[xiv] Vgl. Gottfried Krieger, "Erleben – Analysieren – Kritisieren. Zum Wechselverhältnis von Praxis und Theorie bei Harald Kaufmann", in: Harald Kaufmann, Von innen und außen. Schriften über Musik, Musikleben und Ästhetik, herausgegeben von Werner Grünzweig und Gottfried Krieger, Hofheim: Wolke Verlag, 1993, S. 12, 14. Vgl. Werner Grünzweig, "Vom Glauben ans Nichtnegative. oder: Der Optimismus einer Zeit", in: Harald Kaufmann, Von innen und außen. Schriften über Musik, Musikleben und Ästhetik, herausgegeben von Werner Grünzweig und Gottfried Krieger, Hofheim: Wolke Verlag, 1993, S. 314-315. Vgl. Erich Marckhl, In memoriam Harald Kaufmann, hg. von der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Graz, Graz, 1970, S. 16.

 

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Dieser Artikel stellt eine Bearbeitung des Artikels „Harald Kaufmann“ (Version vom 21. März 2011) aus der freien Enzyklopädie Wikipedia dar und steht unter der Lizenz „Creative Commons Attribution/Share Alike“.